Sterben heute

Zwei Facetten menschlicher Endlichkeit sind es, die zu Beginn des 3. Jahrtausends immer häufiger und nachdrücklicher in den Blick des einzelnen Menschen ebenso wie der Gesellschaft als ganzer geraten.

Zum einen sind es die Verheißungen der Medizin und anderer Lebenswissenschaften, die uns zusehends davon zu überzeugen versuchen, dass die Menschheit ihrem uralten Traum, Sterblichkeit und Vergänglichkeit zu überwinden, mit immer raffinierteren und eingreifenderen Mitteln und Techniken wirksam zu Leibe zu rücken, imstande ist: Hirndoping, Genetic Engineering, Stammzellforschung, Nanoroboter und Kryokonservierung – so lauten einige der Kernthemen der Lebenswissenschaften im vor uns liegenden Jahrhundert. Ihnen wohnt eine Botschaft inne, die die des Arztes Christoph Wilhelm Hufeland, vor 200 Jahren dargelegt in seinem Buch "Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern", nämlich täglich eine Stunde spazieren zu gehen, geradezu naiv erscheinen lässt. Sterblichkeit - nicht länger unser Schicksal, vielmehr ein Unfall der Evolution! - Eine Sichtweise auf den Menschen und die belebte Welt, die sich die Wissenschaft mehr und mehr zu eigen zu machen scheint.

Zum anderen jedoch - entgegen aller Sirenengesänge der Wissenschaften - ist da die Wirklichkeit des Lebensendes in einer Welt der Hochleistungs- und Intensivmedizin. Ihr ist das, was Mitmenschlichkeit, Zuwendung, Empathie und einfühlendes Gespräch gerade im Sterbeprozess bedeuten sollten, zunehmend abhandengekommen, fast schon ist diese Feststellung ein Allgemeinplatz geworden. Er oder sie hatte ein "schweres Sterben", ein "qualvolles", ein "grausames", ein "nicht enden wollendes" gar – Aussagen von Bürgern über das Lebensende von Angehörigen oder anderen ihnen nahe stehenden Menschen, die keinesfalls Ausnahmen darstellen. Das Krankenhaus: kein Ort zum Sterben - das Pflegeheim: eine unterfinanzierte Institution, die oftmals eher verwahrt als pflegt - Sterben zuhause: von den meisten unserer Mitbürger zwar gewünscht, doch nur selten von Angehörigen und ambulanten Diensten in wirklich befriedigender Weise auch zu leisten.

Und dies alles in einer Zeit, in der der Fortschritt der Wissenschaft und der demographische Wandel die Leiden von zusehends mit chronischer Krankheit oder Behinderung länger lebenden Menschen an ihrem Lebensende zu vervielfältigen droht. Eine Herausforderung, deren gesellschaftliche Bewältigung immer drängender wird, auf die bis heute jedoch befriedigende Antworten fehlen.

Manche Zeitgenossen haben die Zeichen der Zeit erkannt. Einiges ist, zumindest in Ansätzen, durchaus verbessert worden: Das ärztliche Ausbildungscurriculum hat das Fach Palliativmedizin integriert; an einigen Universitäten wurden bereits entsprechende Lehrstühle eingerichtet; stationäre Hospize sowie ambulante Hospizdienste sind mancherorts bereits vorhanden und werden von den Krankenkassen finanziert; allein, in einem Maße, das weit hinter den Notwendigkeiten zurückbleibt.

Eingangstor Hospizgebäude

 Sterben in Berlin

In Berlin starben 2010 etwa 32.000 Menschen, doch nur 4000 von ihnen war es möglich, den letzten Weg in der geschützten Umgebung hospizlicher Versorgung zu gehen. Das sind 13%. Der Bedarf wird von der deutschen Hospizstiftung einschließlich Palliativversorgung mit 60% angegeben. Die Kapazität der 12 Berliner Hospize und der 25 ambulanten Hospizdienste reicht nicht aus, um diesem Erfordernis gerecht zu werden.

Der Bedarf an hospizlicher Versorgung wird angesichts der demografischen Entwicklung stark zunehmen. Die gesellschaftliche Erwartung, Rahmenbedingungen für ein würdiges Sterben zu schaffen, steigt und wird zunehmend zum Druck auf Politik und die Einrichtungen des Gesundheitswesens. Eine Analyse in den Vivantes-Krankenhäusern zeigt, dass im Jahre 2010 für 612 Patienten ein Hospizplatz gesucht wurde, jedoch nur 255 in ein Hospiz verlegt werden konnten. Ähnliches dürfte auch für andere Krankenhäuser gelten, so dass ein großer, derzeit nicht gedeckter Bedarf an Hospizplätzen und ambulanten Hospizdiensten besteht. Vivantes als der größte kommunale Träger von Krankenhäusern in Deutschland hilft, diese Lücke zu schließen. Um schwerkranke Patienten auch bei fortschreitender Erkrankung besonders intensiv pflegen und versorgen zu können, bietet Vivantes vielseitige Möglichkeiten palliativmedizinischer Versorgung. Hier ist auf die umfangreiche stationäre Versorgung der Palliativstationen der Vivantes Klinikstandorte Spandau und Neukölln zu verweisen. Erfahren Sie hier mehr. Mit seinem Hospiz vervollständigt Vivantes sein Versorgungsangebot "von der Geburt bis zum würdigen Sterben."

Literatur

Nachfolgend finden Sie unsere Literaturhinweise

Wie wollen wir sterben?

Ein ärztliches Plädoyer für eine neue Sterbekultur in Zeiten der Hochleistungsmedizin

Michael de Ridder.
DVA 2010 19,90 €.
Neuauflage: Pantheon (2012); 14,99 €.

Die Geschichte der Hospizbewegung in Deutschland

Andreas Heller, Sabine Pleschberger, Michael Fink, Reimer Gronemeyer. Ludwigsburg 201, Der Hospiz Verlag (2012); 34,90 €.

Lexikon Hospiz

Christoph Drolshagen. Gütersloher Verlagshaus 2003.

Patientenrechte am Ende des Lebens (4.Aufl.)

Wolfgang Putz u. Beate Steldinger. Beck-Rechtsberater im DTV; 16,40 €.